Widersagen und Glauben - Gedanken in einer schwierigen Zeit, Gedanken zu Ostern 2026
Wir widersprechen/widersagen um der Freiheit der Kinder Gottes willen
Das Ziel der Fastenzeit und ein Höhepunkt des Osterfestes ist für die katholischen Christ:innen die Feier der Osternacht. Darin spielt die Tauferneuerung eine wichtige Rolle. Wir werden dort dreimal gefragt: „Widersagst du…?“ Die Antwort lautet: „Ich widersage!“
Damit bekräftigen und bezeugen wir unsere Entscheidung, dem Bösen abzusagen. Was ist das Böse? Vielleicht könnte man erklären, dass die Christ:innen in der Osternacht unmissverständlich, klar und deutlich ausdrücken, von welchen Werten, Idealen und Leitbildern sie sich abwenden wollen. Die genaue Identifizierung dessen, was man nicht will, kann eine Hilfe sein, klarer und entschiedener zu leben. Die dreimalige Wiederholung der Frage und Antwort bekräftigt den Entschluss.Das Ziel, das in der Osternacht genannt wird, ist das Leben „in der Freiheit der Kinder Gottes“.Es scheint uns, dass Verwirrung herrscht, was unter der „Freiheit der Kinder Gottes“ zu verstehen ist. Inspiriert durch den Ritus der Tauferneuerung widersprechen wir, eine Gruppe von katholischen Ordensfrauen, die sich im Jahr 2018 unter dem Namen „OrdensFrauen für MenschenWürde“ zusammengeschlossen haben, einigen Entwicklungen in unserer Gesellschaft und Kirche.
Wir widersagen der Ausbeutung der Schöpfung
Unsere Erde – aus dem All ein wunderschöner blauer Planet - so klein und zerbrechlich, der einzige Lebensort für uns Menschen. Doch das Leben darauf ist für einen jede:n von uns durch den Klimawandel in Gefahr. Im neuen medizinischen Forschungsparadigma „Planetary Health“ wird das Wissen um die Aspekte der Klimakrise mit den gesundheitlichen Folgen verknüpft und Wege zur Heilung auf-gezeigt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Vorschläge, wie man durch Maßnahmen gegen den Klimawandel vielfältige globale Aspekte für alle Menschen verbessern kann. Es ist also nicht das fehlende Wissen, sondern das fehlende Engagement, das uns immer weiter in die Krise treibt.
Die einfachste Art, sich nicht engagieren zu müssen, ist, den Klimawandel zu negieren. Nur dadurch ist die große Zahl der Klimawandelleugner zu erklären. Hier in Deutschland gehören dazu große Teile der AfD, Vereine und Vertreter:innen der fossilen Industrie. Die Motivationen für diese Leugnung sind einerseits handfeste wirtschaftliche Interessen, aber andererseits wohl auch eine gewisse Abwehr, um nicht in Stress, Angst und Schmerz wegen eines möglichen ökologischen Zusammenbruchs zu geraten. Vielleicht ist so der maßlose Hass auf (prominente) Klimaschützer:innen zu erklären?
Aktuell kommt in Deutschland 60% der Energie aus erneuerbaren Quellen – wer hätte das vor 25 Jahren zu prognostizieren gewagt? Die aktuellen politische Wirren, Kriege und steigende Energie-Bedarfe durch KI etc. drohen jedoch diese Errungenschaften nicht nur zunichtezumachen, sondern diese Entwicklung zurück-, und das Thema Klimawandel grundsätzlich in den Hintergrund, zu drängen. Es braucht also erneut eine Priorisierung dieses Themas, sowohl in unserem je eigenen Verhalten, als auch in der Politik: um mutig neue Wege zu gehen, mit langanhaltender Planungssicherheit, damit aus vielen kleinen und größeren Schritten eine universale Massenbewegung der Solidarität wird, für das Leben – eine österliche Auferstehungserfahrung.
Wir widersagen dem Nationalismus, Rechtspopulismus und Rassismus
Menschen dürfen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft nicht mit weniger Rechten ausgestattet werden als Einheimische. So begrüßen und unterstreichen wir das Wort der Deutschen Bischöfe von 2024: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Die Bischöfe benennen die sich ausbreitende rechtsextremistische Ideologie als gefährlich, nach der ein Volk als Gemeinschaft der ethnisch und kulturell Gleichen oder Ähnlichen gedacht wird. Vertreter dieser Ideologie wollen Menschen, die nicht zu diesem vermeintlichen „Volk“ gehören, möglichst ohne Prüfung abschieben. Dieses rechtspopulistische Verständnis des Volksbegriffs hat in der deutschen Geschichte zu unvorstellbaren Gräueltaten geführt. Wir sprechen uns ausdrücklich gegen ein solches Verständnis aus!
Auf der anderen Seite bietet unsere globalisierte Welt nicht nur Konfliktstoff, sondern die unglaubliche Chance, Menschen aus den verschiedensten Kulturen nicht nur kennenlernen zu können, sondern auch mit ihnen zusammenleben zu dürfen. Sie kann eine wunderbare Bereicherung für uns sein, wenn wir sie denn nutzen. Dazu gehört, dass wir uns nicht fremd bleiben, sondern uns begegnen, einander zuhören, an einander Anteil nehmen.
Allen Ordensleuten, besonders den Benediktiner:innen, ist Gastfreundschaft ein hoher Wert. Doch unsere Gesellschaft empfängt Menschen aus anderen Ländern oftmals nicht als Gäste, sondern viele tun alles daran, die Stimmung so anzuheizen, dass Gäste zu Feinden werden. Interessant, was uns das Lateinische dabei deutlich machen kann, denn: Die Worte „Gast“ (lateinisch hospes) und „Feind“ (lateinisch hostis) sind sich sehr ähnlich. Wir können uns entscheiden.
Wir Ordensfrauen haben zum einen vielen Menschen Kirchenasyl gewährt, zum anderen dürfen wir in unseren Einrichtungen und Klöstern auch mit Menschen verschiedener Nationalität, Ethnien, Kulturen und Herkünften zusammenarbeiten. Wenn wir ihre Lebensgeschichten kennenlernen, dann erfahren wir ganz konkret, was Menschen angetan wird, wie sie mit negativen Attributen belegt werden, abgewertet und ausgrenzt werden. Es ist schön und bereichernd, wenn Begegnungen wachsen und Brücken von Herz zu Herz schlagen.
Wir widersagen der Abschiebung von Schutzbedürftigen
Manche Politiker:innen benennen als Schuldige für die Übel unserer Gesellschaft pauschal die „Ausländer“ oder „Zuwanderer“. Wer sich die Mühe macht und die Fakten checkt, wird ein anderes, differenziertes, Bild erhalten. Solche Schuldzuweisungen schaden allen, weil sie die Beschuldigten diskreditieren und die Allgemeinheit täuschen. Deshalb müssen sie als Lügen enttarnt werden.
Menschen, die in ihrer Heimat Unterdrückung, Verfolgung, Freiheitsentzug, Gewalt, Repressalien oder Hungersnot erleiden mussten, als „Asyltourist“ herabzuwürdigen, ist menschenverachtend. Die Pläne der EU-Migrationspolitik, Asylsuchende in Drittländer abzuschieben sind unmenschlich. Diese Menschen sind dann der Willkür dieser Länder ausgeliefert.
Wenn wir den Namen „Christen und Christinnen“ tragen wollen, müssen uns um diese Menschen kümmern, ihnen Zuflucht, Sicherheit, Freiheit und ein menschenwürdiges Leben bieten. Dies ist kein frommer Wunsch, sondern wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass wir das auch bewerkstelligen könnten. Deutschland ist, alles in allem, ein reiches Land und wir hätten genug, um mit anderen zu teilen, die vom Schicksal weniger begünstigt sind.
Dazu kommt, dass wir Arbeitskräfte aus anderen Ländern dringend brauchen. In vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens, zum Beispiel im Gesundheitssektor, ist das Personal knapp und es werden händeringend Mitarbeiter:Innen gesucht.
Wir widersagen sozialer Ungerechtigkeit
In unserem Land sind 15% der Bevölkerung armutsgefährdet. Dazu gehören Alleinerziehende, Rentner:innen, Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeitslose, kinderreiche Familien, sowie Personen mit niedrigem Bildungsabschluss. Unter den armutsgefährdeten Personen sind - wie unter den Armen weltweit – mehr Frauen (16,2 in 2024) als Männer (14,8).
Diese Statistik ist deshalb so beunruhigend, weil es in Deutschland eine hohe Dichte an Vermögenden mit 200 bis 250 Milliardären gibt, eine Zahl, die zunimmt. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über mehr als ein Drittel des Gesamtvermögens.
Es wäre gerecht, dass diese weit auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich sowohl bei der Einkommens- wie bei der Vermögensverteilung nicht vergrößert, sondern verkleinert wird.
Wir widersagen der Benachteiligung von Frauen
Als internationale Ordensgemeinschaften sind wir traurig darüber, dass Frauen weltweit 60% der Armen ausmachen, 83% der Alleinerziehenden sind und 66% der Arbeit leisten (müssen). Diese Ungerechtigkeit muss immer wieder in Erinnerung gerufen werden.
Manche Erfolge, die die Frauenbewegung zumindest bei uns errungen hat, wie Bildung, das Wahlrecht oder das Recht auf Erwerbstätigkeit, scheinen in den letzten Jahren in Frage gestellt zu werden.
Besonders schmerzt uns, dass dabei behauptet wird, die Bibel und das Christentum wolle es so, wie es manche Tradewifes sagen. Diese Frauen sehen ihre Bestimmung darin, sich ihrem Mann unterzuordnen, eine Erwerbsarbeit ablehnen und sich ausschließlich um Familie und Haushalt zu kümmern.
Die erste große Welle von Tradwife-Videos in den USA gab es während des Wahlkampfes von Donald Trump im Jahr 2020, mit Werbung für die Republikaner. Am Ende stimmte die Mehrheit der weißen Frauen dann 2025 für den Macho, Missbrauchstäter und Frauenhasser Trump. Sein Vize Vance sagte: "Frauen müssen der weißen christlichen Nation Kinder gebären und sie dann großziehen." Wir halten diesen offen zur Schau getragenen Rassismus und die Ablehnung der Frauenrechte für gefährlich, zumal sich diese Bewegung über die sozialen Medien auch in Deutschland ausbreitet.
Dieses Frauenbild kommt der AfD gerade recht, die behauptet, alle Feministinnen seien „hässlich“ und die Männer sollten ihre Männlichkeit „wiederentdecken“.
Auch in der Kirche gibt es viele Frauen – und Männer -, die sich Erfolge der Frauenbewegung wünschen. Deshalb wurde in den letzten Jahrzehnten regelmäßig geprüft, wie Frauen beschaffen sind und was ihre Bestimmung ist. So haben schon diverse Studiengruppen ihre Resultate abgeliefert. Das Ergebnis der Weltsynode im Jahr 2024 lautet: "Es gibt keinen Grund, Frauen daran zu hindern, Führungsaufgaben in der Kirche zu übernehmen: Was vom Heiligen Geist kommt, kann nicht aufgehalten werden". Diese Formulierung mag für manche positiv klingen, ist jedoch eine Mogelpackung: einmal ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen Führungsaufgaben übernehmen; zum anderen ist die Delegation dieser Frage an den Heiligen Geist ein frommes Ablenkungsmanöver – auch in der Kirche wirkt der heilige Geist durch Menschen…
Der entscheidende Satz im Dokument lautet dann, dass "die Frage des Zugangs von Frauen zum diakonischen Dienst offenbleibt." Dieses Ergebnis ist mager, weil die eigentliche Führung der Kirche am sakramentalen Amt, hier „Dienst“ genannt, liegt. Wenn man die Aussage positiv werten will, bedeutet sie, dass weiterhin darüber geredet und wohl auch gestritten werden kann. Wir OrdensFrauen für MenschenWürde werden dazu auch in Zukunft unsere Stimme erheben.
Um kompetente Frauen zu diesem Thema zu hören, schlagen wir die Lektüre des Buches vor, das unsere Mitschwester, Sr. Philippa Rath OSB, Mitglied in unserer Gruppe, herausgebracht hat: „Weil Gott es so will“. Darin erzählen 150 Frauen, auch zwei aus unserer Gruppe, in erschütternden Lebenszeugnissen ihre Berufung als Diakonin oder Priesterin und wie sie diakonisch und priesterlich handeln. Wer also meint, Frauen seien nicht berufen, irrt sich. Kardinal G. L. Müller der öffentlich sagt, dass Frauen nicht zum Priesteramt berufen sein könnten, und anfügt: „Das muss ein Irrtum sein“, muss sich fragen lassen, mit welchem Recht er Gott Vorschriften macht. Im danach erschienen Buch: „Frauen ins Amt! Männer der Kirche solidarisieren sich“ von 2022 fordern über 100 katholische Männer, darunter Bischöfe, Priester und Laien, den Zugang von Frauen zu Weiheämtern. Wer hier blättert, wird viele prominente Namen finden. Die beiden Bücher haben Bewusstseinsveränderungsprozesse in Gang gesetzt.
Wir widersagen der Diskriminierung queerer Menschen
Gott hat uns alle in seiner unendlichen Schaffensfreude und Liebe ins Dasein gerufen – vielfältig, einzigartig und gewollt. Darum verdient jeder Mensch Respekt, Schutz und Liebe – ohne Ausnahme und unabhängig von Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Lebensweise.
Leider werden nicht nur in fernen Ländern, sondern auch bei uns queere Menschen mit Unverständnis, Vorurteilen und Hass konfrontiert. Doch jegliche Diskriminierung, Ausgrenzung oder Verleumdung verletzt nicht nur die Betroffenen, sondern verkennt auch die göttliche Schöpfung selbst. Die Achtung der Würde queerer Menschen ist daher nicht optional, sondern Ausdruck gelebten Glaubens und der Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung.
Wenn Parteien, Institutionen oder Einzelpersonen offen oder subtil queere Menschen herabsetzten, ihnen Rechte verweigern, sie diskriminieren oder diskreditieren, müssen und wollen wir dem entgegenstehen, indem wir uns informieren, auf unsere eigene Wortwahl achten und den Mut aufbringen auf abfällige Äußerungen zu reagieren
Wir glauben
Nach dem „widersagen“ folgt in der Osternacht die ebenfalls dreimalige Frage: glaubst du…? Auch hier gilt: ein Mensch nimmt das schlechthin Gute in den Blick und bekräftige seine Zustimmung durch ein wiederholtes Bejahen
Wir Ordensfrauen für Menschenwürde glauben an einen Gott, der Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, ihm ähnlich. Wir glauben an Jesus Christus, der sich mit den Geringen identifiziert. Und wir glauben an die Heilige Geistkraft, die uns immer wieder neu antreibt in Bewegung zu kommen und zu Handeln.
Für uns ist Ostern und die Tauferneuerung nicht „the same procedure as every year“. Wir sind unverdient in eine der größten Volkswirtschaften der Welt geboren worden und dürfen darin leben. Wir wissen, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Umweltschutz, Frieden und der Schutz von Minderheiten keine Selbstverständlichkeiten sind.
Es gibt auf unserer Erde sehr viele Menschen, die ehrlich, freundlich und gütig sind. Sie handeln nach ethischen Prinzipien und widerstehen Angst, Faulheit oder Gleichgültigkeit. Solche Menschen machen das Leben lebenswert. Manche gehen dabei so weit, ihr eigenes Leben zu riskieren.
Letztendlich bleibt die Frage für jede/n selbst: Warum eigentlich „so“ handeln, denken, leben? Und woher die Kraft nehmen, die Überzeugung, das Fundament, wenn es dann unbequem, gefährlich wird? Auf welcher Seite stehe ich dann?
Die Entscheidung, grundsätzlich zum Bösen „nein“ zu sagen und sich nach dem auszustrecken, was jenseits dieses Lebens liegt, kann jeden Tag neu getroffen werden.
Deshalb sind wir entschieden: in dunklen Zeiten stand zu halten – mit ihm; „Gott einen Ort sichern“ hat es Madeleine Delbrel genannt: Im Kleinen, im Alltag, auf unserer Straße, vor unserer Haustüre mit den Menschen, denen wir begegnen, unsere Antwort zu leben. Immer wieder neu, anzufangen – Widerstand zu leisten … zu glauben – solidarisch mit allen, die es mit uns tun.
für die Gruppe OrdensFrauen für MenschenWürde
Sr. Antonia Hippeli OSB, Sr. Ulla-Mariam Hofmann OSB, Sr. Mechthild Hommel OSB, Sr. Veronika Hornung OP, Sr. Therese Jäger OSF, Sr. Katharina Rohrmann OSB, Sr. Ruth Schönenberger OSB, Sr. Susanne Schneider MC, Sr. Hilmtrud Wendorff CJ.